Bericht von Josef Reithofer
Grundsätzlich sind mit einem geeigneten Segelflugzeug fast alle Figuren möglich, die auch im Motorkunstflug geflogen werden. Die einzigen Ausnahmen sind Figuren, die nur durch das Drehmoment des Motors erst möglich werden.
Ein Segelflugzeug hat naturgemäß keinen Motor, der die Energie für das Fliegen bereitstellt und daher verbraucht jede Figur ungefähr 50-100 Höhenmeter.
Obwohl ein Segelkunstflugzeug wie die Fox mit +9/-7g ähnlich belastbar ist wie ein modernes Motorkunstflugzeug vom Kaliber einer Extra 300 oder Suchoi 31, wird im Segelkunstflug versucht so weich wie möglich zu fliegen, da zu hohe g-Kräfte nur unnötige Höhe verbraten.
Im Bewerb muss eine vorher festgelegte Reihenfolge von Kunstflugfiguren möglichst exakt und in einem festgelegen Raum geflogen werden. Diese „Box“ ist am Boden genau 1 km x 1 km groß und wird durch weiße Tücher markiert. Die obere Begrenzung ist bei 1200m über Grund und die unter je nach Klasse entweder bei 200m oder 500m.
Jeder Teilnehmer hat insgesamt 7 Programme zu fliegen:
2x die bekannte Pflicht:
Diese Programme werden einige Monate vor dem Bewerb bekannt gegeben , d.h. jeder kann diese Programme trainieren.
2x die unbekannte Pflicht:
Diese Programme werden erst am Vortag bekannt gegeben und dürfen auch nicht mehr trainieren werden.
3x die Kür:
Dieses Programm wird nach bestimmten Regeln von jedem Teilnehmer selbst zusammengestellt und kann natürlich auch trainieren werden. Die Kür darf aber während dem Bewerb nicht mehr geändert werden.
Ein Programm besteht aus ca. 8-12 Kunstflugfiguren, die je nach Schwierigkeit einen bestimmten k-Faktor haben.
Die
Ausführung der Figuren wird von 3-5 Schiedsrichtern (Foto) bewertet, die ca.
1 km außerhalb der Box positioniert sind und für jede einzelne Figur 0-10
Punkte vergeben, die mit dem k-Faktor multipliziert werden. Es gibt noch Zusatzpunkte
für Harmonie und die Positionierung des Programms in der Box.
Die Zeit, während der das Flugzeug außerhalb der Box ist, wird von Linienrichtern an den Ecken der Box gestoppt und für jede Sekunde gibt es Fehlerpunkte.
Höhenverletzungen werden von einem Höhenmessgerät (die „Ratte“) zum einem PC am Boden gefunkt und ebenfalls mit Fehlerpunkten geahndet. Bei gravierenden Höhenverletzungen (100m unter dem Limit) wird der Teilnehmer für den gesamten Bewerb disqualifiziert.
Der Bewerb wird in 2 Klassen durchgeführt:
Vollacro (Koni Zeiler und Konsorten)
Die untere Grenze ist 200m, und das ist schon sehr tief, da wir normal
in dieser Höhe die Position zur Landung melden, d.h. allzu weit von der Piste
sollte man am Ende des Programms nicht mehr entfernt sein.
Von den Figuren wird einfach alles geflogen, was im FAI-Figurenkatalog enthalten ist. Die Pflichtprogramme sehen dann so aus, dass mehr als die Hälfte negativ (=Kopf unten, Fahrwerk oben) geflogen wird, gerissene und gestoßene Rollen vorkommen und meistens auch noch Rollenkreise, Außenloopings und andere Grauslichkeiten enthalten sind.
Halbacro (Einsteigerklasse, um sich nicht gleich mir den Kapazundern messen
zu müssen)
Die untere Grenze ist bei 500m, das ist noch genügend Höhe, um eine misslungene
Figur ausleiten zu können und die Landung kann man sich auch noch in Ruhe
einteilen.
In die Pflichtprogramme werden keine extremen Negativ-Belastungen, wie z.B. Negativlooping, und auch keine gerissenen oder gestoßenen Rollen aufgenommen. Ansonsten wird aber alles geflogen was der Figurenkatalog bietet: Trudeln, Looping, Turns, Männchen, Rollen in allen möglichen Varianten, Rückenflug, Rückenkurven und Kombinationsfiguren wie Kubanische Acht, Spitzkopf usw.
Ich habe mir dann gemeinsam mit Günter die Staatsmeisterschaft 2002 angeschaut, um einen ersten Eindruck von so einem Bewerb zu bekommen. Im Internet-Bericht standen wir zwei als „Koni-Fanclub aus Stockerau“ und ich schätze wir waren die einzigen Zuschauer beim ganzen Bewerb, der leider nicht vom Wettergott begünstigt war.
Die „spinnerten Falken“ sind wahrscheinlich der sonderbarste Segelflugverein Österreichs:
Das Ziel ist die Ausführung und Förderung des Kunstfluges in Österreich und daher ist auch das einzige Flugzeug des Vereins die mittlerweile auch in Stockerau gut bekannte MDM-1 Fox OE-5666. Die ca. 30 Mitglieder, von denen 15-20 aktiv Kunstflug betreiben, sind bis auf Vorarlberg über alle Bundesländer verstreut. Die Fox ist zwar offiziell in Niederöblarn stationiert, aber praktisch während der ganzen Saison in Österreich unterwegs, da auf den verschiedensten Flugplätzen mehr oder weniger regelmäßig trainiert sowie Gefahreneinweisung und Kunstflugausbildung durchgeführt wird.
Durch die Spinning Hawks ist der Segelkunstflug in Österreich wieder aus der Versenkung hervorgehoben worden und mittlerweile gibt es auch schon Überlegungen in Richtung Motorkunstflug, der ja zur Zeit in Österreich bewerbsmäßig nicht mehr existiert (keine Angst, wir haben nicht vor das auch noch in Stockerau zu betreiben).
Da wir in den Jahren 2001 und 2002 durch unsere Fluggebühren doch einiges zur Deckung der Betriebskosten der Fox beigetragen konnten (jeweils ca. 100 Flüge), haben uns die Kunstflieger zur Jahreshauptversammlung in Liezen eingeladen. Sie haben uns einiges über den Verein und seine Ziele erzählt und uns dann die Mitgliedschaft angeboten. Wir haben noch an Ort und Stelle das Betrittsformular unterschrieben.
Nachdem uns Koni den Floh ins Ohr
gesetzt hat und der Gedanke an die Staatsmeisterschaft nicht mehr aus unseren
Gehirnen zu verdrängen war, haben wir uns im Herbst 2002, im Frühjahr und
unmittelbar vor dem Bewerb für jeweils 2 Wochen die Fox aus Niederöblarn nach
Stockerau geholt.
Unser Ziel war klar: Bewerbsmäßiges Kunstfliegen.
Einzelne Kunstflugfiguren zu fliegen ist eine Sache, eine Bewerbsprogramm zu fliegen aber eine ganz andere. Zusätzlich zum eigentliche Fliegen der Figuren muss man im Kopf noch für allerhand andere Dinge Platz finden: Richtige Reihenfolge der Figuren, Raumeinteilung und Orientierung in der Box, Windkorrektur, Harmonie, Flugrichtung und Eingangsgeschwindigkeit für die nächste Figur, Höhenbegrenzungen, wo sitzen die Schiedsrichter und was können sie sehen usw.
Nach ungefähr
50-60 Starts für jeden, einer Außenlandung (Foto), etlichen vergessenen und
vermurksten Figuren (umgefallene Turns, in die falsche Richtung gefallene
Männchen, Strömungsabriss im Rückenflug usw.) werden unsere Programme immer
runder und harmonischer, der Tunnelblick durch die hohen g-Kräften wird wieder
weiter und die geistige Kapazität für die verschiedensten Überlegungen während
dem Fliegen wird auch deutlich größer.
Als Kunstflugneuling war ich fasziniert, was Koni während dem Kunstfliegen so alles aufgefallen ist und jetzt ertappe ich mich selbst, dass ich z.B. bei einem Männchen in den 3-4 Sekunden, in denen der Flieger senkrecht nach unten auf 200 km/h beschleunigt, genug Zeit finde, um am Parkplatz den Skoda von Fritz Uhl, den Passat von Go (samt Anhänger mit Gerümpel) und noch einige andere Autos zu erkennen. Das heißt aber nicht, dass ich deswegen unkonzentriert fliege, sondern dass die Bewegungsabläufe für die einzelnen Figuren aus dem Unterbewusstsein und fast automatisch ablaufen. Das ist wie beim Autofahren, wo ja auch keiner mehr nachdenkt, in welcher Reihenfolge er beim Schalten auf Kupplung und Gaspedal treten muss.
Vor lauter Fliegen kommt während dem letzten Training vor der Meisterschaft keiner von uns dazu, seine e-Mails zu lesen und nach ungefähr einer Woche fragt uns Koni, ob wir schon wissen was jetzt mit der Staatsmeisterschaft los ist. Wir schauen ihn ganz verwundert an und er erzählt uns, dass der Bewerb nicht mehr stattfinden kann, da der Organisator aus Friesach bei einem Segelflugzeugabsturz tödlich verunglückt ist.
Aus unseren e-Mails werden wir auch nicht schlauer und in den nächsten Tagen laufen die Telefone heiß, aber keiner weis etwas genaues, es gibt nur Gerüchte: in Slowenien soll ein geeigneter Platz sein, vielleicht doch noch in Friesach, der Termin soll auf Herbst verschoben werden, oder gleich auf nächstes Jahr, Slowenien und Friesach doch nicht, es wird in Österreich noch ein Platz gesucht ...
Am Dienstag vor der Bewerbseröffnung kommt dann doch noch das erlösende e-Mail: Die Staatsmeisterschaft findet zum geplanten Termin, aber in Fürstenfeld, statt.
Hinter den Kulissen ist noch viel mehr telefoniert worden und nach einigen Überlegungen haben sich die Fliegerfreunde aus Fürstenfeld bereiterklärt die Kunstflugstaatsmeisterschaft durchzuführen.
Obwohl sie vom Bewerb im Vorjahr schon Erfahrung haben, können die Fürstenfelder in den wenigen Tagen natürlich nicht mehr alles rechtzeitig organisieren:
Die Box, das ist der imaginäre Würfel in dem wir unsere Programme fliegen müssen, wird normalerweise am Boden markiert. Nachdem der Flugplatz natürlich nicht so groß ist, muss das Einverständnis der Grundstückseigentümer eingeholt werden, was in der kurzen Zeit aber nicht mehr möglich war. Es wird also nur die Mittellinie für uns am Flugplatz markiert und da auch keine Linienrichter mehr aufzutreiben waren, werden die Schiedsrichter die Position in der Box bewerten. Mir ist das nur recht, da diese eine wesentlich ungünstigere Position haben und im Zweifelsfall sicher für den Piloten entscheiden werden.
Begonnen wird um 8:00 mit dem Ausräumen
der 4 teilnehmenden Kunstflugzeuge aus dem Hangar (die Fürstenfelder können
kaum glauben, wie viele Flieger in ihren Hangar passen).
Um 9:00 treffen die Schiedsrichter und die Wettbewerbsleitung ein und es folgt ein kurzes Briefing (klingt recht förmlich, aber tatsächlich beginnt schon hier der Schmäh zu laufen), bei dem der Tagesablauf noch einmal kurz besprochen wird.
Am Vormittag wird ein Durchgang für beide Klassen geflogen, das heißt für jeden von uns jeweils 10 Minuten für den Schlepp auf 1300m, 3 Minuten für das eigentliche Kunstflugprogramm und 1-2 Minuten für die Landung.
Den Rest
der Zeit verbringen wir mit Warten. Trainingsflüge sind während dem Bewerb
grundsätzlich verboten und daher versuchen alle, sich in den letzen Minuten
vor dem Start auf das jeweilige Programm zu konzentrieren. Das sieht für Außenstehenden
sicher recht komisch aus, da wir durch eigenartige Verrenkungen versuchen,
uns auch das Horizontbild in den einzelnen Figuren einzuprägen.
Das Mittagessen servieren uns die Fürstenfelder direkt aus der Flugplatzkantine. Klarerweise sind unsere Gastronomen Ramona und KCK (Küchenchef Karl) in kürzester Zeit die beliebtesten Personen am Platz.
Am Nachmittag werden dann wieder 1 oder 2 Durchgänge geflogen. Obwohl wir zu Mittag eher leichtere Kost bekommen, ist es speziell nach dem Essen und vielleicht noch 2 Stunden Wartezeit bei 30° im Schatten nicht leicht, die notwendige Konzentration für das Kunstfliegen aufzubringen.
Der Flugbetrieb selbst wird total
locker gehandhabt. Der Platz ist sowieso für uns gesperrt, die 2 Schleppmaschinen
fliegen die Platzrunde im Norden und landen im Gras, wir fliegen südlich und
landen auf der Piste. Gefunkt wird praktisch während dem ganzen Bewerb nicht
und für den Fall, dass sich doch ein fremder Flieger am Funk meldet, haben
wir am Segelflugstart ein Handfunkgerät (so einfach kann das Fliegen sein).
Nach dem Einräumen der Flieger und dem Abendessen (natürlich auch wieder am Flugplatz) werden die Tages- und vorläufigen Gesamtergebnisse bekannt gegeben und jeder Teilnehmer kann in die Bewertung der einzelnen Schiedsrichter Einsicht nehmen. Falls für den nächsten Tag eine unbekannte Pflicht vorgesehen ist, dann wird das zu fliegenden Programm an die Teilnehmer ausgegeben.
So gegen 22:00 verschwinden alle Teilnehmer ins Quartier.
Schon am ersten Trainingstag fällt
uns ein ruhiger, älterer Herr am Flugplatz auf, der mit großem Interesse unsere
Trainingsflüge beobachtet.
Bei dem Eröffnungsbriefing erfahren wir, dass es der ungarische Kunstflugtrainer Sandor Katona ist. Er war Weltmeister im Motorkunstflug, aber seine ganze Liebe gilt dem Segelkunstflug, wo er Vize-Weltmeister und mehrfach WM-Drittter war. Trotz seiner 63 Jahre ist Sandor auch bei der heurigen WM im Segelkunstflug ein ganz heißer Anwärter für einen Podestplatz.
Er ist aber kein verbissener Wettkämpfer sondern möchte den Segelkunstflug weltweit beliebter machen. Er trainiert außer uns Österreichern auch noch die Nationalmannschaften von Ungarn, Frankreich, Holland, England und Amerika.
Er kommentiert mit seinem wunderschönen ungarischen Akzent unsere Flüge und als er uns anbietet, gemeinsam mit ihm zu fliegen, nehmen alle die einmalige Gelegenheit wahr. Nach nur einem Flug mit ihm bin ich plötzlich mit meiner Kür um 50 Höhenmeter früher fertig, nur weil ich bisher einige Figuren um ein paar km/h zu schnell oder etwas zu hart geflogen bin.
Seine Frau Mady hat die undankbare Aufgabe übernommen, die Wertungsblätter der Schiedsrichter in den Computer einzugeben und die diversen Ranglisten, Startreihenfolgen usw. zu erstellen. Beim gemütlichen Tagesausklang erzählt sie uns ganz beiläufig, dass sie ebenfalls mal Weltmeisterin im Motorkunstflug gewesen ist.
Obwohl wir für verschiedene Vereine fliegen und jeder einzelne sowieso gewinnen möchte, entsteht während der ganzen Woche keine Wettbewerbsrivalität. Ständig läuft der Schmäh und diejenigen, die als erste ein Programm fliegen müssen, erzählen den anderen bereitwillig, wie es ihnen beim Fliegen ergangen ist und wo die Schwierigkeiten sind.
Am Ende des Bewerbs vereinbaren wir mit den Tullnern sogar, dass wir im Herbst gemeinsam in Stockerau trainieren werden. (Ich hör schon den Aufschrei: „Um Gott’s wülln, jetzt kumman die Spinnert’n scho mit zwa Fox’n“).
Jetzt ist es soweit: Nachdem Montag
und Dienstag freies Training war, sitze ich für den ersten Wertungsflug (bekannte
Pflicht 1) festgeschnallt in der Fox.
Im Schlepp gehen mir die sonderbarsten Gedanken durch den Kopf: „He, jetzt bin ich tatsächlich dabei“ - „was ist, wenn jetzt das Seil reißt und ich Außenlanden muss ?“ - „auf was hab ich mich da eingelassen ?“ - „die Bummerl schauen herrlich aus“ - „wenn mir das vor 2 Jahren jemand gesagt hätte“ - „die Schiedsrichter sind mir wurscht“ - „Wahnsinn, 6 m/s Steigen im Schlepp“.
Das extrem kurze Schleppseil (halb so lang wie in Stockerau) und die ruppige Thermik reißen mich aber aus den Gedanken, trotzdem versuche ich, mich auf das Programm zu konzentrieren und mir auch noch mal Richtungspunkte in der Gegend einzuprägen: „Anwackeln“ - „Trudeln links“ - „Looping“ - „Turn, vorspannen“ - „Vierpunktrolle“ - „45°-Auf, bei 150 km/h ausleiten“ - „Warum ist das verdammte Seil so kurz“ - „wo war ich ?“ - „Ah ja, Abschwung, maximal 130km/h“ - „Humpty, Senkrechte bis 250 km/h stehen lassen“ - „Spitzkopf, senkrecht Linie zeigen“ - „ganze Rolle“ - „90°-Kurve Richtung Schiedsrichter“ - „Abwackeln nicht vergessen“ - „Wo ist die Kirche ?“ - „Schwimmbad“ - „scheiß Seil“ - „Waldrand“ - „Wo sitzen die Schiedsrichter ?“ usw.
Nach ungefähr 10 Minuten ist der Schleppzug in 1250m und ungefähr 2 km von der Box entfernt. Seit dem Durchsteigen von 1200m nervt das Höhenmessgerät mit ständigem Piepsen, aber wir haben beim morgendliche Briefing mit den Schiedsrichtern vereinbart, dass es nur dann ausgelesen wird, wenn die Schiedsrichter die Höhenverletzung erkennen. Da kein Mensch vom Boden aus zwischen 1200 und 1300 Metern unterscheiden kann, ist mir die Piepserei egal.
Ein wesentlich größeres Problem ist, dass ich aus dieser Position die Lage der Box unter mir nicht mehr erkennen kann. Ich beginne daher, mit den Flügeln um ca. 30° nach links und rechts zu wackeln, um Sicht nach unten zu bekommen. Ich sehe kurz auf die Piste, muss aber gleich wieder die Position hinter der Schleppmaschine korrigieren (kurzes Seil, eh schon wissen). Das Spiel wiederholt sich noch ein paar Mal bis ich endlich in der gewünschten Position zur Box bin und ausklinke.
Über das eigentliche Programm möchte ich gar nicht viel schreiben: Der Trudler war um 45° überdreht und daher ein glatter Nuller, die Vierpunktrolle ist nach der zweiten Messerfluglage aus der Richtung gegangen und der Spitzkopf hat den Schiedsrichtern auch nicht besonders gefallen. Ergebnis: letzter Platz. Christian wird 5. und Günter erreicht den 6. Platz.
Zum Glück erfahren wir die Wertung
erst am Abend und weil ich das Programm bis auf den Trudler selbst nicht so
schlecht gesehen habe, gehe ich recht motiviert in die unbekannte Pflicht,
die erfreulicherweise keine Trudler enthält, die sich schon während dem Training
als meine Achillesferse erwiesen haben.
Das Programm selbst ist recht interessant: Es besteht aus einer Folge von Männchen vorwärts und rückwärts, Humptys (senkrecht nach oben – halber Looping – senkrecht nach unten) auch wieder vorwärts und rückwärts und alle 4 Figuren mit einer Viertel Rolle in der Senkrechten nach unten. Dazu kommen noch einige Rollen und als Draufgabe eine Figur bei der wir im horizontalen Rückenflug beginnen, dann noch am Rücken bis 45° nach oben drücken und mit einem 5/8 Looping wieder in die Normalfluglage kommen. Ich bin wie die meisten anderen Teilnehmer diese Figur noch nie geflogen und auch das Männchen rückwärts ist mir bisher nur unabsichtlich passiert.
Aber wir alle sind uns sicher, dass nicht einzelnen Figuren der Knackpunkt in diesem Programm sind, sondern die Orientierung wegen der vielen Richtungsänderungen durch die 4 Rollen in den Vertikalen. Mir gelingt ein fehlerfreier Flug und ich erreiche den 4. Platz.
Leider passiert Günter bei diesem Durchgang das, was für alle Kunstflieger fürchten: Er fliegt eine einzige Viertelrolle in einer Senkrechten verkehrt herum, wodurch er von da an alle Figuren zwar fehlerfrei, aber in die falsche Richtung fliegt, was laut Reglement mit lauter Nuller bewertet wird. Über die Sinnhaftigkeit dieser Regelung zu diskutieren ist müßig, Tatsache ist, dass Günter damit keine Chance mehr hat, aus eigener Kraft im Klassement nach vorne zu kommen. Zu Günters Ehrenrettung sei gesagt, dass schon mehrfache Weltmeister auf diese Art eine WM verspielt haben und wer leicht schmunzelnd glaubt, es besser zu können, ist für die nächste Staatsmeisterschaft herzlichst eingeladen.
Christian gewinnt diesen Wertungsflug, obwohl er durch eine Verkühlung leicht gehandicapt ist, und zeigt, dass er um die ersten Plätze mitmischen wird.
Die
Kür ist sicher die Königsdisziplin und auch am schwierigsten zu fliegen, da
jeder versucht den maximalen k-Faktor zu erreichen. Dadurch wird die Kür schon
von den Figuren her um ca. 30% schwieriger als die Pflichtprogramme. Hinzukommt,
dass es durch die Anzahl und Schwere der Figuren fast immer mit der Höhe knapp
wird.
Da es im Vorjahr in der Halbacro zu recht deutlichen Höhenverletzungen in den Küren gekommen ist, können wir mit der Bewerbsleitung vereinbaren, dass die Kürprogramme in 1300m begonnen werden. Auf der anderen Seite werden die Schiedsrichter die Unterschreitung der Mindesthöhe rigoros bewerten und im Zweifelsfall auch die Höhenmeßgeräte auslesen lassen. Im Sinne der Flugsicherheit ist das sicher eine weise Entscheidung und mir ist es ganz recht, da unterhalb von ca. 400m mein Selbsterhaltungstrieb sowieso meint, dass es jetzt genug ist.
Bei der Abgabe unserer Kür-Programme haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass wir noch neu in der Bewerbsfliegerei sind (Kommentare vom deutschen Hauptschiedsrichter zu Christians Kür: „Ich hab’ noch nie so ’ne bescheuerte Kür gesehen“ oder „so ’nen Müll fliechste nie mehr wieder“).
Und tatsächlich gibt’s gerade bei dieser ersten Kür ziemlich viele Nuller (sogar Christian fällt ein Turn um) und da mir mein Programm fehlerfrei gelingt, bin ich in diesem Durchgang plötzlich auf Platz 2.
Leider geht meine Leistungssteigerung (8. - 4. – 2. Rang) nicht mehr weiter, da in der zweiten Kür meine Probleme mit dem Trudeln wieder akut werden und ich noch dazu einen Turn vermurkse.
Dafür beginnt jetzt die große Serie von Christian: Nach der verpatzten 1. Kür gewinnt er die nächsten 3 Durchgänge in Folge und liegt vor dem Finale (3. Kür) klar in Führung.
Bei irgendeinem Programm gelingt ihm das ultimative Männchen.
Für
alle Nicht-Kunstflieger: Beim Männchen fliegt man senkrecht solange nach oben
bis das Flugzeug zum Stillstand kommt und für kurze Zeit rückwärts nach unten
fällt. Durch die Windfahnenwirkung des Höhenleitwerks nimmt der Flieger nach
einigen Sekunden die Nase wieder nach unten und pendelt dabei normalerweise
um ungefähr 30-45° über die Vertikale hinaus. Die Schwierigkeit dabei ist
es zu bestimmen, ob das Flugzeug wie vorgegeben über den Bauch oder den Rücken
wieder in die Vertikale fällt.
Christian zieht also die Fox mit ungefähr 4g in die Vertikale und unser Obmann Ewald Roithner spricht für Christian seine Eindrücke auf ein Diktiergerät: „Soda Christian – Männchen – Vertikale ist gut, genau senkrecht, lange Linie – vielleicht a bisserl am Rücken – uuuhh, jetzt fallt’s um – na, doch net - Wahnsinn, Super“. Spätestens hier reagieren alle anderen auch mit „uuuhh“, „aaahh“ und ähnlichen Ausdrücken der Begeisterung. Die Fox fällt ewig lange (tatsächlich vielleicht 3-4 Sekunden) verkehrt nach unten und pendelt dann in die vorgeschrieben Richtung um fast 90° bis in die Rückenfluglage durch.
Wie es Christian im Cockpit geht, können wahrscheinlich nur Kunstflieger nachvollziehen: Ab dem Moment, wo der Flieger kurz bewegungslos in der Luft steht, zieht er das Höhenruder voll durch und kann nur noch abwarten bis genügen Strömung von hinten anliegt, die den Flieger hoffentlich in die gewünschte Richtung umschlagen lässt. Während dieser ewig langen Sekunden kann man praktisch nichts mehr tun, nur das Seiten- und Querruder wollen mit ständig steigender Kraft durch die verkehrte Anströmung zur Seite auswehen (aus genau diesem Grund stellen wir ja unsere Flieger mit der Nase zum Wind ab). Bei diesem Männchen werden durch die hohe Rückwärtsgeschwindigkeit die Querruderkräfte so groß, dass Christian den Steuerknüppel sogar mit den Beinen fixieren muss, obwohl er ihn eh schon mit aller Kraft und beiden Hände festhält.
Leider wollen die Schiedsrichter in der Pendelbewegung einen ganz leichten Querlagefehler gesehen haben und geben ihm nur 9,5 Punkte. Aus unserer Position war dieser Fehler nicht zu erkennen und sogar die Vollacro-Piloten hätten Christian für diese Figur die Traumnote 10 vergönnt.
Bei der letzten Kür zeigen Christian doch noch Nerven und verbuchen einen Nuller, aber da seinem schärfster Konkurrenten gleich 2 Figuren umfallen, hat das auf das Ergebnis der Halbacro keinen Einfluss mehr:
1. Christian Vohryzka (FSV Stockerau)
2. Klaus Leitner (Akaflieg Graz)
3. Hugo Gold (SFC Tulln)
6. Josef Reithofer (FSV Stockerau)
8. Günter Mayer (FSV Stockerau)
Bei weit
über 100 Kunstflugprogrammen gibt es keine einzige Situation, wo wir auch
nur den leisesten Verdacht haben, dass ein Pilot seinen Flieger nicht mehr
unter Kontrolle hat (das würde sowieso den sofortigen Ausschluss aus dem Bewerb
zur Folge haben). Die einzigen zwei Vorfälle können nicht den Piloten angelastet
werden: Beim Training macht sich ein Höhenmessgerät im Cockpit selbstständig
und einmal fliegt eine Katana trotz NOTAM und gesperrtem Platz unmittelbar
vor einer Fox, die gerade aus einem Männchen fällt, quer durch die Box.
Christian ist verdient Staatsmeister geworden, er hat 4 von 7 Durchgänge gewonnen, die wenigsten Fehler gemacht und auch sonst die meisten Punkte für die einzelnen Figuren bekommen. Zu seinem Pech (und unserem Glück) darf er in Zukunft nicht mehr in der Halbacro starten, sondern muss sich beim nächsten Bewerb mit den absoluten Könnern der Vollakro messen.
Günter hat trotz seinem verständlichen Frust nach der ersten unbekannten Pflicht gezeigt, dass er problemlos mithalten kann und wer weis, was er erreicht hätte, wenn er diese eine Viertelrolle in die andere Richtung geflogen wäre.
Ich selbst bin mit meinem Ergebnis zufrieden, da es mein Ziel war, mit den anderen Teilnehmern mitzuhalten zu können und der 2. Platz in der ersten Kür ist für mich Motivation genug, um bei der nächsten Meisterschaft wieder dabei zu sein.
Wir möchten uns hier bei allen Schlepp-Piloten, den Betriebsleitern und bei den Piloten bedanken, die wir durch unsere Turnerei in Stockerau behindert haben und die wegen uns vielleicht den Landeanflug verzögern mussten.
Unser Dank gilt vor allem aber Koni Zeiler, da wir ohne ihn nicht mal ansatzweise so weit wären, wie wir jetzt sind. Er hat uns das Kunstfliegen beigebracht, uns trainiert, motiviert und letztendlich auch überzeugt, dass wir gut genug sind, um bei der Staatsmeisterschaft mitfliegen können. Ich bin sicher, dass er über „seinen“ Staatsmeister mindestens genauso stolz ist wie dieser selbst. Schade ist nur, dass Koni wegen seinen Simulator-Checkflügen leider nicht in der Vollacro teilnehmen konnte. Er hätte den Sieger Dietmar Poll sicher gehörig ins Schwitzen gebracht.
Alles in allem wieder ein kräftiges Lebenszeichen der Stockerauer Segelflugsektion, die vor einigen Jahren schon totgesagt worden ist.